Tinder und Branding: Was Marketer von einer Dating-App lernen können

Jeden Tag wird 1,6 Milliarden mal auf dem Smartphone mit dem Daumen nach rechts oder links gewischt. Daraufhin kommt es zu einem Date – oder auch nicht. Die Rede ist natürlich von Tinder, einer Dating-App, die seit geraumer Zeit per Smartphone Singles verkuppelt. Die App ist aber nicht nur interessant für einsame Seelen, die das Alleinsein satt haben, sondern auch für Marketer, die sich mit dem Thema Branding (zu Deutsch Markenaufbau) beschäftigen. Highspeed-Onlinedating und Brand Building haben nämlich mehr gemeinsam, als Sie glauben.

 

Starke Marken haben die Nase vorn

Egal, ob ein Unternehmen sich am oberen Ende des High-End-Premium-Segments positioniert oder als sympathischer regionaler Anbieter von nebenan: Die Marke ist einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg.

Sie beeinflusst, welche Emotionen die Kunden dem Unternehmen entgegenbringen. Welche Eigenschaften sie damit assoziieren. Wieviel Vertrauen sie ihm schenken. Und welches Produkt sie wählen, wenn sie im Supermarkt vor einer haushohen Wand aus Süßigkeiten stehen und ob des übergroßen Angebotes alarmierend nahe am psychischen Kollaps kratzen.

In diesem Moment greift wohl jeder automatisch zur lila Kuh, bei dem sich angesichts ihres Anblicks ein wohliges Gefühl einstellt, weil er damit Kindheitserinnerungen aus Omas Küche verbindet. Wieder einmal hat die Macht der Marke Wirkung gezeigt.

Ein anderes Beispiel: Für das neue iPhone wird so mancher Kunde zum Teilzeit-Camper.  Was Apple-Jünger über die Ereignisse im Apple-Shop am Tag des Releases berichten, erinnert mitunter an Nahtod-Erfahrungen. Der ideelle Wert von Apple-Geräten sprengt so manche Skala.

Was dem wohlhabenden Pensionär der Porsche vor der Haustür, ist das neue iPhone dem ambitionierten Young Professional: in erster Linie ein Statement. Mit ein bisschen Technik gelingt die Selbstdarstellung im Handumdrehen. Gleichzeitig demonstriert man damit aber auch die eigene Gruppenzugehörigkeit: “Ich bin einer von den smarten, kreativen Köpfen” sagt das iPhone, “Ich gehöre zum obersten Prozent” der Porsche.

 

elschundfink_Apple_Brand Building

 

Soweit klar – aber wahrscheinlich hatten Sie diesen Artikel vor allem aufgerufen, weil irgendwas mit Tinder im Titel stand. Und dazu kommen wir jetzt:

 

Suchen Sie noch oder tindern Sie schon?

Tinder – schon mal gehört? Ohne in die Tiefe Ihres Privatlebens vordringen zu wollen: Es gibt einiges, was Unternehmer von der Dating-App lernen können. Über 100 Millionen täglich aktive Nutzer und die Nominierung zum „Best New Startup 2013“ sprechen für sich.

Bei Tinder handelt es sich um eine Dating-App, die GPS-Koordinaten nutzt, um potenziell interessante Singles in der näheren Umgebung ausfindig zu machen. Im Gegensatz zu anderen Dating-Angeboten verzichtet Tinder auf komplizierte Algorithmen, die die Persönlichkeit ihrer Nutzer so gründlich durchleuchten, bis sie am Ende Singles zusammenbringen können, die auf geschlossene Zahnpastatuben stehen.

Ja, Tinder geht es noch nicht einmal um die lange Beziehung. Stattdessen herrscht hier das Prinzip „Hot or not“: Es werden schlicht Menschen zusammenführt, die sich gegenseitig attraktiv finden. Der User bekommt eine unendliche Reihe von Profilfotos anderer Leute vorgesetzt und hat jedes mal die Wahl: einmal nach links wischen – nein danke. Einmal nach rechts wischen – ja, ich will (oder so ähnlich). Wischen beide nach rechts, geht der Messenger auf, und man kann sich für ein Treffen verabreden.

Selbst wenn Ihr Unternehmen nicht in der Dating-Branche tätig ist und Sie sich dieses Geschäftsmodell auf den ersten Blick nicht abschauen können: Bleiben Sie dran. In Sachen Branding kann man von Tinder mehr lernen, als man denkt.

 

Branding: Wenn das Kleinhirn den Ton angibt

Der erste Eindruck zählt – das gilt nicht nur beim Date, sondern auch im Marketing. Bei Tinder sind es die Profilbilder zahlreicher netter und sympathischer Menschen, die uns aus dem Smartphone anstrahlen. Damit ist der erste Eindruck vor allem eins: sehr lebendig. Gefällt uns ein Lächeln besonders gut, wischen wir nach rechts. Und zwar innerhalb des Bruchteils einer Sekunde.

Daraus lernen wir zwei Dinge: Erstens, auch die nicht gerade unwichtige Entscheidung darüber, mit wem wir potenziell den Rest unseres Lebens verbringen, fällt in einer Nanosekunde. Zweitens, es spielen dabei keinerlei rationale Beweggründe eine Rolle – beim Tindern weiß der Nutzer rein gar nichts über sein Gegenüber und trifft trotzdem sofort die Entscheidung, ob er die Person riechen kann oder nicht.

Wer behauptet, er träfe Kaufentscheidungen rein rational, der belügt sich selbst. Die basieren nämlich auf unterbewussten emotionalen Gründen. Es mag eine Schokolade mit weniger Palmöl geben, ein Smartphone mit besseren technischen Daten und ein Auto, das weniger Benzin verbraucht, aber wir vertrauen der Marke. Sie macht, dass wir uns gut und sicher fühlen. Und ob wir das tun, wissen wir innerhalb einer Nanosekunde.

(Geschwindigkeit spielt aber auch noch an einer anderen Stelle eine wichtige Rolle, nämlich dabei, Ihrer Marke im Onlinemarketing einen starken Auftritt zu verschaffen – dazu gleich mehr.)

Auch bei wichtigen Entscheidungen zählt letztendlich das Bauchgefühl. Eine Marke, die mit starken positiven Assoziationen im Unterbewusstsein ihrer Kunden verankert ist, hat hier immer die Nase vorn. Effektives Branding ist also im Wettbewerb ein entscheidender Vorteil.

 

 

Brand Building_Was können wir von Tinder lernen?

 

 

Design, das Ihre Kunden hinterm Ofen hervorlockt

Woran aber macht der Nutzer beim Tindern seine intuitive Entscheidung fest, ob ihn die Person am anderen Ende interessiert? Richtig: am Foto.

Der gemeine Tinderer ist also daran interessiert, sich von seiner besten Seite zu präsentieren. Hot: Lebensfreude. Party time. Sommersonnen-Bokeh und große Sonnenbrillen. Not: ein fleckiger Jogginganzug, Petersilie zwischen den Zähnen und Augenringe als Überbleibsel einer durchgemachten Nacht.

Auch eine Marke steht und fällt mit ihrem Design. Apple wäre nicht Apple ohne Minimalismus und Reduktion. Rolex nicht Rolex ohne das Richtig-dick-auftragen. Coca Cola nicht Coca Cola mit einem Logo in Blau und Gelb (bei dieser Farbkombination denken wir außerdem direkt schon wieder an eine andere Marke – Design prägt eben). Gutes Design transportiert Wertigkeit und Stilbewusstsein.

Das Design muss aber nicht nur gut sein, sondern auch konsistent. Oder würden Sie bei Tinder rechts wischen, wenn Ihr potenzielles Date auf dem ersten Foto aussieht wie ein Model, auf dem zweiten dagegen wie ein unausgeschlafener Höhlentroll?

Konsequentes Design stärkt die Glaubwürdigkeit und den Wiedererkennungseffekt. Das neue iPhone in der Hand zu halten, ist wie einen guten Freund wiederzusehen, der frisch vom Friseur kommt: Trotz Redesign seiner Haarpracht vertrauen wir ihm immer noch all unsere Geheimnisse an. Konsequentes Design verankert die Marke langfristig im Bewusstsein der Konsumenten und stärkt das Vertrauen, das sie ihr entgegenbringen.

 

Machen wir nun den Sprung zum Onlinemarketing:

 

Sie haben 7 Sekunden

Denn genau das ist die Zeit, die ein Nutzer im Schnitt Ihrer Webseite zugestehen, um drei essentielle Fragen zu beantworten:

  • Wo bin ich?
  • Was kann ich hier machen?
  • Warum sollte ich das tun?

In diesen 7 Sekunden der Orientierung will der Nutzer Antworten. Findet er die nicht, fällt die Antwort auf die Frage „Hot or not“ sehr eindeutig aus. Wäre Ihre Webseite ein Tinder-Profil, würde der Nutzer Sie jetzt ohne mit der Wimper zu zucken nach links in die Versenkung wischen.

Tinder funktioniert auch deshalb so gut, weil der User genau null kognitiven Einsatz aufbringen muss, um die App zu bedienen. Gefällt ihm, was er sieht, ist ganz klar, was er tun muss. Ihre Webseite darf dem Besucher zwar etwas mehr gedankliches Involvement abverlangen, aber sie muss sich genauso einfach bedienen lassen. Der User muss stets klar erkennen, wo die Antworten auf seine Fragen sich befinden, und wie er dorthin kommt – davon profitiert Ihre Abschlussrate ganz wesentlich.

 

Die Brand Buildig Macht von Tinder - elschundfink deckt auf

 

Sie sehen also: Sowohl im Branding als auch im Onlinedating geht es in erster Linie darum, jemanden von sich zu überzeugen. In beiden Fällen trifft die Zielperson ihre Entscheidung blitzschnell unterbewusst, oft anhand von Äußerlichkeiten wie einem schönen Lächeln – oder eben gutem Design. Wer dieses auf allen Kanälen konsequent umsetzt und dem Nutzer dabei eine einfache und angenehme User Experience verschafft, der kann sich bald über den ersten Match und ein Date mit der Zielgruppe freuen.

 

Bildquellen: unsplash.com, negativespace.co (unter CC0), elsch&fink

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