Brand Building und Tinder: Was wir von der App lernen können

Von Premium-Qualität über regionale Herkunft bis hin zur Arbeitgeberrolle – die Liste unterschiedlicher Markentypologien kann problemlos weiter geführt werden. Dennoch bleibt die Marke eines der wichtigsten Aspekte des Unternehmens – ihr Aushängeschild. Sie beeinflusst Emotionen der Kunden, ihre Assoziationen und das Vertrauen zum Produkt. Es ist sogar die Marke, die dem Käufer Orientierung bietet, während dieser im Supermarkt vor einer haushohen Wand aus Süßigkeiten steht und alarmierend nahe am psychischen Kollaps kratzt – Information Overload. In genau diesen Momenten ist es die lila Kuh, die für ein wohliges Gefühl sorgt und den rettenden Weg aus einer Psycho-Krise weist. Unterbewusst werden kindliche Erfahrungen mit der Schokolade geweckt, die für eine positive Stimmungslage in spezifischen Hirnarealen des Käufers sorgen. In diesen Momenten verlassen wir uns nur zu gern auf gewohnte Produktqualität und meiden die Gefahr eines Fehlkaufs. Wir trauen uns, zart zu sein – ein Erfolg des Brand Buildings.

Die Macht der Marke

Auch andere Süßwarenhersteller haben sich die Erinnerungen aus Kindertagen zu nutze gemacht. Sie werben mit Claims wie „Spiel, Spaß, Spannung, Schokolade“ oder „Für die Extraportion Milch“. Gezielt wird nicht nur mit dem Sicherheitsfanatismus von Konsumenten gespielt, sondern ebenso das Kind in uns geweckt, wenn wir nostalgisch anmutende Werbung sehen, die uns an juvenile Tage erinnert. Nur zu gern möchten wir in solchen Momenten den Geschmack früher Kindertage und Leichtigkeit verspüren. Ein Wunsch, der mobil macht und uns im Supermarkt an der Ecke diese unheimlich leckeren Schokoriegel kaufen lässt.

Zurück im Wohnzimmer. Schauplatz Couch: Verpackungsfetzen säumen den Boden. Auf dem Sofa liegend ein gekrümmter Konsument mit wohligem Erinnerungen an Kindertage und leichter Magenverstimmung. Unser Fazit: Wieder einmal hat die Macht der Marke Wirkung gezeigt.

Selbstbewusste Apfel-Jünger?

Doch Brand Building kann weitaus mehr. Für die neue Ausgabe eines Smartphones, geschmückt mit angebissenem Apfel, wird so mancher Kunde zum Teilzeit-Camper. Kulturell-historische Errungenschaften wie die heimische Nasszelle werden ohne Augenzwinkern gegen öffentliche Waschgelegenheiten getauscht. Ein Klappstuhl sorgt für Sitzkomfort. Das veraltete Smartphone-Modell verkürzt die Wartezeit bis sich die heiligen Pforten des kalifornischen Branding-Künstlers öffnen. Was Apple-Jünger über die nun folgenden Erlebnisse berichten, erinnert nicht selten an Nahtod-Erfahrungen ominöser TV-Erscheinungen. Hirntod hin oder her – der ideelle Wert von Apple-Geräten sprengt so manche Skala. Was dem wohlhabenden Pensionär der Porsche vor der Haustür, ist das neue iPhone für den ambitionierten BWLer. Statements wollen gesetzt werden, sowohl auf der Straße als auch in der Hand, im Café, der Uni oder der nächsten Bushaltestelle. Mit ein bisschen Technik gelingt die Selbstdarstellung im Handumdrehen. Gleichzeitig wird eine Gruppenzugehörigkeit demonstriert. Vom einfachen Rest der Smartphone-Nutzer namenloser Anbieter möchte man sich abheben. Ein Beispiel für gutes Branding, das sogar im Stande ist, das Selbstbewusstsein der Käufer anzukurbeln.

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Übrigens: Der Begriff Branding kommt ursprünglich aus der Agrarwirtschaft. Durch ein Brandzeichen wurden früher Tiere markiert, um als Eigentum ihrer Besitzer schneller erkennbar zu sein. Heute werden damit auch Aktivitäten eines Unternehmens zusammengefasst, die dazu dienen, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Ein digitaler Stempel also, ganz individuell. Prognosen zufolge wird Branding besonders im digitalen Marketing immer wichtiger. So ist die Wahrnehmung der Unternehmensmarke im Netz (sowohl für Zielgruppen, als auch Google) laut Experten der Schlüssel zum Unternehmenserfolg.

Auch digitale Zeiten ändern sich

Alles schön und gut. Aber wo bekomme ich das jetzt her, diese Marke? Die Erfolge reichweiten-orientierter Push-Werbung tragen leider nicht zum langfristigen Aufbau digitalen Brand Buildings bei. Marken in digitalen Zeiten bekommen neue messbare Kennzahlen. Stand bisher reine Performance im Fokus des Online-Marketings, sind es heute vielmehr Content –und Social Media Marketing, gepaart mit Usability –und Suchmaschinenoptimierung.

Nachhaltigen Unternehmenserfolg verspricht auch ein rein menschliches Gut: Vertrauen. Ist dies gegeben, kehren Kunden gerne wieder ein und lassen sich auch länger als wenige Sekunden auf der Website nieder. Kundenbindung und Loyaität lassen Klick – oder Conversionrate steigen. So kann ein verbesserter Platz im Google-Ranking erzielt werden. Das Echo in Sozialen Netzwerken wird hörbar, wenn Inhalte geteilt, verlinkt, gelikt oder kommentiert werden. Die eigene Popularität steigt. Deutlich wird auch: Markenstärke und Performance hängen zusammen. Branding verfolgt allerdings nicht das Ziel kurzzeitig hoher Klickraten, sondern den Aufbaus einer nachhaltigen Reputationssteigerung und Positionierung auf dem Markt.

Was Dating und Brand Building gemeinsam haben

Tinder – schon mal gehört? Ohne in die Tiefe eures Privatlebens vordringen zu wollen, gibt es einiges, was junge Unternehmer von der Dating-App lernen können. Über 100 Millionen täglich aktive Nutzer und die Nominierung zum „Best New Startup 2013“ sprechen für sich. Bei dieser Info sind auch uns die Kinnladen runtergeklappt. Wie kann so etwas möglich sein? Was ist dran an der famosen App?

Bei Tinder handelt es sich nicht um reines Hexenwerk, sondern eine Dating-App, die GPS Koordinaten nutzt, um potenziell interessante Singles in einem Radius von 150 km ausfindig zu machen. Im Gegensatz zu anderen Dating-Angeboten verzichtet Tinder auf komplizierte Algorithmen, die die Persönlichkeit ihrer Nutzer durchleuchten, den Lieblings Disney-Film aushorchen oder Singles zusammenbringen, die auf geschlossene Zahnpasta Tuben stehen. Tinder prophezeit eine möglichst lange und harmonische Beziehung im Stil eines „Hot-or-not“ Mechanismus, der Singles zusammenführt, die einander attraktiv finden. Einmal nach links wischen – nein danke, ich bin nicht interessiert. Wischen nach rechts: ja, ich will (oder so ähnlich).

Auch wenn das mit der langfristigen Beziehung bei vielen Nutzern noch auf sich warten lässt, klingt der Mechanismus simpel und brillant. Ungünstig nur, dass euer Unternehmen in keiner Dating-Branche tätig und ein derart vereinfachter Aufbau nicht so einfach übertragbar ist. Wir können dennoch einiges von Tinder lernen.

Brand Building_Was können wir von Tinder lernen?

In nur 7 Sekunden

Genau das ist die Zeit, die die meisten Nutzer einer Webseite geben, um ihnen drei essentielle Fragen zu beantworten:

  • Wo bin ich?
  • Was kann ich hier machen?
  • Warum sollte ich es tun?

In diesen 7 Sekunden der Orientierung benötigen Nutzer Antworten. Das Urteil zur Frage „Hot or not“ bezüglich eurer Website fällt bei Zeitüberschreitung eher negativ aus. Virtuell sollte also schnell gehandelt werden und das am besten datelike: Treffen, Vorstellen und Kennenlernen durch geschicktes digitales Navigieren und ein attraktives Äußeres sind auch hier die wichtigsten Disziplinen.

So verkauft ihr euch mit Erfolg

Der erste Eindruck zählt – das gilt nicht nur beim Date, sondern auch für eure Website. Bei Tinder sind es die Profilbilder zahlreicher Singles, die vom Smartphone herablächeln. Damit ist der erste Eindruck vor allem eins: sehr lebendig. Hier können wir lernen: Ganz egal, ob Bild oder Logo – setzt euer Profil bzw. eure Website gekonnt in Szene. Wer sich gut verkauft und einen positiven ersten Eindruck hinterlässt, kann schon bald Erfolge einholen.

Bevor ihr beschließt, euer komplettes Facebook-Profil oder die eigene Website mit Bildern aus dem letzten Urlaub oder dem neuen Bürostuhl auszustaffieren, solltet ihr euch fragen, ob das neueste Foto überhaupt zu euch passt. Durch eure gesamte Öffentlichkeitsarbeit, ob bei Tinder oder Xing, entsteht eine Story in den Köpfen eurer Leser. Ein merkwürdiges Foto hat das Potenzial, das gesamte Narrativ zu ändern – Obacht!

In Sachen Selbstbeschreibungen punktet ihr mit Übersichtlichkeit, Humor und einem einfachen, direkten Ton. Beim Tinderprofil und der Unternehmenswebsite gilt daher gleichermaßen: frisch + fröhlich + frei = hot. Monologe der Selbsthuldigung = not.

Die Brand Buildig Macht von Tinder - elschundfink deckt auf

Erstes Match – hurray!

Glückwunsch, ihr habt Kontakt zu potenziellen Kunden aufgenommen. Wie darf es weitergehen? Ob ihr als humorvoll, nerdig oder Pioniergeist ins Gedächtnis eingeht, liegt ganz in eurer Hand. Wichtig ist nur, dass ihr den Sprung ins Langzeitgedächtnis schafft und nicht im Filter „nice to know“ ausgesiebt werdet.

Übrigens: Den Hot-or-Not Mechanismus haben auch die australischen Macher der Dating-App nicht neu erfunden, sondern von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg abgekupfert. Bereits 2003 rief der Psychologie-Student inoffiziell „Facemash“ ins Leben, ein Vorläufer von Facebook, mit Fotos von Harvard-Studentinnen, die per Zufallsgenerator eingeblendet wurden und von Kommilitonen als hot bewertet werden konnten, oder eben nicht. Die Seite verzeichnete zwar große Erfolge, wurde von der Uni aber schon bald geschlossen, nicht zuletzt wegen Copyright-Verstößen Zuckerbergs. Eine Zustimmung der Studentinnen zur Einblendung ihrer Fotos hatte er schließlich nicht eingeholt. Kurze Zeit später gründete Zuckerberg eine neue Plattform, genannt „Thefacebook.com“, die für weitere Nutzergruppen geöffnet wurde und sich bald zu dem Sozialen Netzwerk überhaupt entwickelte. Heute ist Facebook ein börsennotiertes Unternehmen mit über 1,39 Milliarden aktiven Nutzern weltweit und verändertem Hot-or-Not-Mechanismus. Sozial verträglich zeigt sich dieser mittlerweile in Form eines Like-Buttons.

Ob Facebook oder Tinder – dies sind nur einige Beispiele, an denen wir sehen, wie sich im Netz erfolgreich Geld verdienen lässt – mit Inhalten, die Benutzer wirklich sehen wollen. Es geht darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Interesse zu wecken und die User einzubinden – in eure Story, beherzt erzählt und auf den Punkt gebracht. Ist das einmal geschafft, werden umso mehr User auf dem Bildschirm wischen und zwar nach rechts.

 

Bildquellen: unsplash.com, negativespace.co (unter CC0), elsch&fink

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Über den Autor

Tina Lindeburg
Junior Konzeptionerin / Texterin, bereit für Herausforderungen und immer auf der Suche nach neuen Trends im Web.

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