Die re:publica 2017: Fake News, #Freubier und die Maus

Mein Vater ist einer vom alten Schlag. Ein erfolgreiches Berufsleben besteht in seinen Augen darin, sein Leben lang bei ein und derselben Firma zu arbeiten, vorzugsweise einer, die in der internationalen Wirtschaft tätig ist. Erfolgreiches Netzwerken ist für ihn, am Ende des Abends sämtliche Visitenkarten verteilt zu haben, mit denen man am Anfang des Abends erschienen ist. Ein erfolgreicher Messebesuch war es seiner Meinung nach dann, wenn man nach drei Tagen mit zahlreichen neuen Aufträgen nach Hause fährt.

Ich sage das voller Respekt: Pünktlich zur Pensionierung ist er nach einem langen Berufsleben im Staatsdienst in ein Haus mit großem Garten im Speckgürtel von Berlin gezogen. Aber dass sich die Zeiten geändert haben, merken wir beide jedes Mal, wenn wir uns über meine Arbeit unterhalten. Nicht zuletzt, als ich meine Eltern am Wochenende vor der re:publica 2017 besuchte. Wir saßen zwischen Rosen, Tulpen und Königskronen, deren Geruch nach verbranntem Gummischlauch Wühlmäuse vertreiben sollte, und mein Vater war neugierig, was seine mittelgroße Tochter, frischgebackene Vollzeitberufstätige, in Berlin eigentlich genau vorhatte.

“Ich hoffe jedenfalls, du hast einen Schwung Visitenkarten dabei. Je mehr man davon unter die Leute bringt, desto besser”, erklärte er mir.

“Naja, wir sind da nicht, um Geschäfte zu machen”, sagte ich ausweichend. “Die Art von Veranstaltung ist das nicht.”

“Was ist das denn dann für eine Messe?”

“Weniger eine Messe als eine Konferenz. Es geht um das Internet.”

“Also fahrt ihr dahin, um euer Fachwissen auszubauen?”

“Jein, darum geht es auch nicht direkt”, sagte ich und geriet langsam in Erklärungsnot. Das merkte auch mein Vater: “Warum fahrt ihr denn dann dahin?”, fragte er mittlerweile etwas verständnislos.

Ja, warum fahren wir auf die re:publica?

Folgt man der Logik vieler Internetaktivisten, arbeiten wir für die dunkle Seite der Macht. Wir benutzen das Internet entgegen aller utopischen Demokratisierungsvisionen, an denen sich Idealisten seit seiner Entstehung festhalten, zum Geldverdienen. Wir beschäftigen uns täglich damit, wie man Content bei Google nach oben bringt – aber nicht um marginalisierten Gruppen eine öffentlich wahrgenommene Stimme zu geben, sondern um den kommerziellen Inhalten unserer Kunden zu guten Rankings zu verhelfen. Wir bloggen, posten und publishen, aber nicht, um auf die Missstände dieser Welt aufmerksam zu machen, sondern weil wir dafür bezahlt werden.

Was also wollen wir auf der re:publica? Die Frage beschäftigte mich die ganze darauffolgende Woche.

Input, bis das Hirn vibriert

Meine erste re:publica: Journalisten aus Ländern ohne Pressefreiheit, für die das Internet ein Überlebenswerkzeug sein kann, berichteten von ihrer manchmal lebensgefährlichen Arbeit. Claus Kleber, Eva-Maria Lemke und Ralf Paniczek diskutierten darüber, was man dagegen tun kann, dass viele Menschen nicht verstehen, wie öffentlich-rechtliche Berichterstattung funktioniert, und wie der Journalismus mit Fake News umgehen soll, die über das Internet rasend schnell Verbreitung finden.

Dazwischen, davor und danach: VR-Brillen, Bällebäder, #Freubier, kostenlose Lektüre, eine überlebensgroße “Sendung mit der Maus”-Maus. Eine Karaokeparty mit dem nerdigen Namen “The Internet of Sings”, bei der erst einer eindrucksvoll Gangam Style performt und später das gesamte Publikum von drei Profis gerickrolled wird.

Stefan Niggemeier, Juliane Leopold, David Biesinger, Patrick Gensing, Richard Gutjahr und Niddal Salah-Eldin verurteilten den Begriff der Fake News, denn der wurde ursprünglich zum Frontalangriff auf die Medien genutzt und kann deshalb nicht vorbehaltsfrei von den Medien selbst übernommen werden. Elisabeth Wehling erklärte, wie einzelne Wörter bei Rezipienten unbewusst Deutungsmuster aktivieren und wie man damit im politischen Journalismus subtil Meinungen beeinflussen kann – auch ganz ungewollt.

Zwischendurch segelt irgendwo am Horizont der Firmenkollege vorbei, aber mehr als hektisches Zuwinken ist nicht drin, da jeder eilig auf dem Sprung in den nächsten interessanten Vortrag ist.

Andrea Nahles setzte sich lebhaft mit dem Publikum über ihre Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen und das potenzielle Ende der Lohnarbeit im digitalen Zeitalter auseinander. Fiete Stegers und Wolfgang Wichmann stellten Tools vor (wie z. B. TinEye), die man zur Verifizierung von Social-Media-Inhalten benutzen kann, um selber keine Falschmeldungen zu verbreiten.

Pulled Pork Burger, Nice Fries und fritz-cola. Immer fleißig twittern. Literweise Kaffee und Schwarztee. Ins Programm gucken und lauter Vorträge zum Streamen notieren, in die man es nicht vor Ort geschafft hat.

Gerald Hensel forderte von großen Marken angesichts Programmatic Advertising mehr politischen Feinsinn und klare Positionierung – es bleibt zwar zu diskutieren, ob Politik von einer Kommerzialisierung profitieren würde, aber in turbulenten Zeiten wie unseren sollte sich jeder seiner öffentlichen Verantwortung bewusst sein. Konrad Lischka und Christian Stöcker präsentierten empirische Ergebnisse rund um Fake News, Filterblasen und die digitale Öffentlichkeit und zeigten eindringlich auf, wie kognitive Dissonanzen und Confirmation Bias in unsere Wahrnehmung hineinspielen.

Und das war nur ein kleiner Ausschnitt der vielen Vorträge und Diskussionen, die wir auf der re:publica mitgenommen haben. Was aber noch viel eindrücklicher war: Die großartige Atmosphäre, die getreu dem diesjährigen Motto “Love Out Loud” auf dem ganzen Gelände herrschte. Gute Laune selbst bei langen Schlangen, entspannte Gesichter, auch wenn man sich fünf Minuten nach Beginn des Vortrags noch zum letzten Platz in der Mitte einer Stuhlreihe durchschiebt und tosender Applaus für alle Redner – die ganzen drei Tage über kam mir das Publikum unheimlich entspannt und positiv gestimmt vor.

Und jetzt?

Hat das direkt was mit meiner Arbeit zu tun? Nein.

Habe ich irgendwas gelernt, was ich unseren Kunden für bares Geld weiterverkaufen kann? Nein.

Bin ich hochmotiviert, voller neuem Input und neuer Ideen nach Hause gefahren? Bin ich sensibilisiert worden für Dinge, über die ich noch nie wirklich nachgedacht habe? Auf jeden Fall.

Wir arbeiten nicht im luftleeren Raum

Und damit ist für mich auch klar, was wir auf der re:publica wollen. Ja, wir verdienen Geld mit dem Internet – aber uns ist ebenso bewusst, dass das Internet eine wichtige gesellschaftliche, politische und soziale Instanz ist. Obwohl diese Tatsache nur am Rande das betrifft, womit ich mich jeden Tag beschäftige, ist es mir persönlich wichtig, meine Arbeit in diesen Kontext zu setzen.

Das Web ist eine Öffentlichkeit, an der jeder teilhaben kann. Was für Konsequenzen das hat, wurde auf der re:publica wieder deutlich. Für mich heißt das: Schindluder mit dem Internet zu betreiben, nur um den Umsatz zu steigern, kommt vor diesem Hintergrund nicht infrage.

Genauso wenig, wie Netzpolitik oder die politische Verantwortung von Werbung und Marketing im Netz zu ignorieren. Diese Verantwortung wurde ja gerade erst wieder deutlich an der Debatte um Kendall Jenners Pepsi-Werbespot oder dem Eklat, als Banner großer Marken via Programmatic Advertising rund um IS-Videos und rechtsextreme Inhalt platziert wurden. Gleichzeitig haben aber auch diejenigen, die das Internet mitgestalten – und das sind in einem sehr kleinen Rahmen wohl auch wir – eine Verantwortung dafür, dass das Internet ein fairer Ort bleibt.

Was im Internet passiert, schlägt in Politik, Wirtschaft und der Gesellschaft mitunter große Wellen. Inhalte verbreiten sich rasend schnell. Falschmeldungen erhalten tausende Klicks, bevor Wahrheiten ans Licht gebracht werden. Images werden über Nacht aufgebaut und zerstört. Auch wenn man “nur” Online-Kommunikation für mittelständische Unternehmen konzipiert und umsetzt, darf man vor dem Gewicht des World Wide Web nicht die Augen verschließen. Deshalb sind wir hoffentlich auch nächstes Jahr wieder auf der re:publica in Berlin dabei – und jetzt kann ich meinem Vater auch erklären, warum.

elsch&fink, Agentur für Onlinekommunikation aus Münster, auf der re:publica 2017
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Über den Autor

Lea Gallon
Leitung Digitales Marketing und Kommunikation - Ideen und Texte mit Sinn und Verstand, ohne Rechtschreibfehler.

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